Blinder Stuntman zeigt, was möglich ist

Matt Gilman macht Stunts, ohne zu sehen. Der US-Amerikaner ist seit acht Jahren nahezu blind, seine Kunststücke auf dem Fahrrad musste er sich wieder mühsam antrainieren. Mittlerweile geht er sogar auf Tour. 

Matt Gilman tänzelt auf der Kante. «Mehr nach rechts», sagt ein Mann im Hintergrund. Gilman steht in den Pedalen, hüpft mit seinem Fahrrad hin und her, bis er die richtige Position gefunden hat. Er stellt sich aufs Hinterrad - und springt. Kurz zuvor hat er die etwa ein Meter hohe Stufe noch mit seinem Blindenstock abgetastet. Matt Gilman kann kaum noch sehen.

Mit 24 verlor er im Zuge einer Diabetes-Erkrankung sein Augenlicht, heute kann er gerade mal hell von dunkel unterscheiden. «Ich dachte, es wäre das Ende der Welt», sagt der 32-Jährige der Nachrichtenagentur dpa. Allein zwischen 2004 und 2006 ließ sich Gilman 22 Mal an den Augen operieren. 

Heute reist Gilman, der in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland lebt, auf der ganzen Welt herum und berichtet Menschen von seinen Erfahrungen. «Alles begann dunkel zu werden», erzählte er im vergangenen Jahr einer Gruppe von Jugendlichen in Westminster bei London. «Ich dachte, ich sei unverwundbar und mir könnte nichts passieren, aber als Erwachsener habe ich gelernt, dass das nicht wahr ist.» 

Seine große Leidenschaft gab der US-Amerikaner trotzdem nicht auf. Gilman fährt Bike-Trial - ein Sport, bei dem man auf dem Fahrrad Hindernisse im Gelände zu bewältigen hat. «Ich habe ein paar Wochen gebraucht, um wieder auf dem Bike balancieren zu können», sagt Gilman. «Es war ein langsamer, frustrierender Prozess.» Heute sitzt er mindestens zweimal pro Woche auf dem Rad. Dabei springt er auf kleine Felsen im Wald, hüpft über Grünstreifen oder balanciert auf Parkbänken. 

Wie bei anderen Bikern und Skatern gehören auch bei Gilman Stürze zum Alltag - mit dem Unterschied, dass er nicht sieht, wohin er fällt. «Vielleicht sehe ich den Boden nicht kommen, aber es tut genauso weh», antwortet Gilman auf die Frage nach seinen Stürzen. Mit der Zeit habe er gelernt, richtig zu fallen und den Schmerz so zu minimieren. «Hinfallen passiert uns allen, egal ob beim Laufen oder beim Biken. Manche von uns sehen es kommen, manche nicht.» 

Tom Öhler, Bike-Trial-Weltmeister von 2008, hat Gilman persönlich getroffen. «Er muss die Umgebung zuerst detailliert erkunden und fehlerfrei abspeichern», schrieb er in einem Gastartikel für das Magazin «Red Bulletin». Wenn Gilman im Sattel sitzt, orientiert er sich in erster Linie an seinen Reifen. Unterstützt wird er außerdem von einem Freund, der ihn ständig begleitet. 

Mit seiner Stuntshow besucht Gilman Schulen, Messen oder Benefizveranstaltungen. «Ich will der Welt zeigen, was möglich ist», schreibt er auf seiner Facebook-Seite über sich selbst. Menschen mit schweren Krankheiten oder anderen Handicaps sollten sehen, dass man das Leben trotzdem genießen kann. Öhler schätzt Gilmans «Lebensfreude und die offene, positive Art, mit seinem Schicksal umzugehen». 

Gilman selbst will Menschen mit ähnlichen Schicksalen vor allem eine Botschaft mit auf den Weg geben: «Lass dir von niemandem sagen, dass du irgendwas nicht tun kannst, nur weil du eine Behinderung hast.» Gilman jedenfalls hat sich das Trial-Biken nicht ausreden lassen.

Quelle: dpa18.09.12Zum AnfangZurück

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