Phantomschmerzen durch Umbauprozesse im Gehirn

Hamburg (dpa) - Wenn Menschen nach einer Amputation Schmerzen am fehlenden Körperteil spüren, ist die Rede von Phantomschmerzen. Prof. Herta Flor vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sucht nach Möglichkeiten, solchen Patienten zu helfen. Auf dem Europäischen Schmerz-Kongress in Hamburg (21. bis 24.9.) wurden Ergebnisse vorgestellt. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagte Flor, dass Phantomschmerzen vor allem bei Umbauprozessen im Gehirn entstehen.

Wie viele Menschen haben Phantomschmerzen nach einer Amputation, und wie äußern sich die Beschwerden?

Flor: «Etwa 80 Prozent aller Menschen, denen beispielsweise Teile eines Arms oder Beins amputiert wurden, leiden an Phantomschmerzen. Die Beschwerden und Empfindungen sind sehr unterschiedlich: Von Stechen, Kribbeln, starken Schmerzen ist alles dabei. Manche Patienten mit einem amputierten Armteil haben das Gefühl, dass sie ihre Hand spüren, nur an einer anderen Stelle, nämlich näher am Körper.»

Was wissen Sie über die Ursache von Phantomschmerzen?

Flor: «Früher hat man zunächst geglaubt, dass etwas am operierten Stumpf nicht in Ordnung ist, dass beispielsweise Nervenbündel verwoben sind oder Ähnliches. Zum Teil liegt die Ursache auch im Stumpf. Seit den 1990-er Jahren weiß man aber, dass sich die entscheidenden Vorgänge bei Phantomschmerzen im Zentralen Nervensystem und Gehirn abspielen. Die Stelle im Gehirn, die für den Arm oder das Bein zuständig war, bleibt nicht "leer", es wandern Nervenimpulse aus der Umgebung ein, und andere Aufgaben werden von dieser Region übernommen. Die Aktivität, die dadurch entsteht, geht sozusagen über die alten Nervenleitungen in die Gliedmaße über, und wird dort spürbar, obwohl sie nicht mehr da ist. Die Schmerzen entstehen also durch Umbauprozesse und eine Art Verwirrung im Gehirn.»

Wie wollen Sie diesen Patienten helfen?

Flor: «Eine Idee ist, dem Gehirn die Illusion vorzumachen, der fehlende Körperteil sei noch da. Das kann man mit Spiegeln, Prothesen oder virtuellen Realitäten trainieren. Das funktioniert nach dem Motto: Ich habe zwar keinen Arm mehr - aber wenn ich dem Gehirn vormache, ich hätte wieder einen - vielleicht können sich dann die Umbauprozesse wieder zurückbilden? Aus Versuchen weiß man, dass Patienten bei regelmäßigem Üben mit der Zeit weniger Schmerzen haben können. Es funktioniert aber bei manchen Patienten gar nicht, bei anderen sehr gut. Wir wollen herausfinden, warum das so ist.»

Quelle: Interview: Christiane Löll, dpa25.09.11Zum AnfangZurück

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