Übergewicht: Fehlende Strukturen bei Kindern?

Stress in der Kindheit oder Jugend, destabilisierende Erfahrungen und Unsicherheit könnten in spätere Gewichtsprobleme münden. US-Forscher entdecken, dass Struktur und Stabilität in jungen Jahren das Essverhalten beeinflussen. 


Life-History-Theory: Lebensgeschichte erklärt Verhalten

Bereits Kinder leiden oftmals unter Stress. Ob sich die Eltern trennen, sie häufig umziehen oder es zu Gewalterfahrungen kommt – belastende Lebensereignisse und Lebenssituationen könnten das Essverhalten beeinflussen und Indikator des Risikos für die Entwicklung von Übergewicht sein, so Forscher der Florida State University.

Frühere Studien wiesen einen Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Stellung in und nach der Kindheit mit der Wahrscheinlichkeit von Gewichtsproblemen im Erwachsenenalter nach. Die US-Wissenschaftler wollten wissen, ob es noch andere destabilisierende Ereignisse in der Kindheit gibt, die zu einem Lebensstil führen, der für Übergewicht und Fettleibigkeit empfänglicher macht.

Auf Basis der "Life-History-Theory" ("Theorie der Lebensgeschichte") brachten die Wissenschaftler die in der Kindheit erlebte Stabilität mit dem Lebensstil und Lebensentscheidungen in Verbindung. Die "Life-History-Theory" geht davon aus, dass Lebewesen nur begrenzte Ressourcen wie Energie oder Nahrung zu Verfügung stehen und sie bei vielen nebeneinanderher bestehenden konkurrierenden Prozessen im Leben wie Gesundheit, Fortpflanzung oder Selbsterhalt entscheiden müssen, wieviel sie in welchem Bereich investieren. Nach dieser Theorie entwickeln Menschen aufgrund der persönlichen Erfahrungen Strategien, die den Lebensstil und damit auch die Gesundheit und Ernährung beeinflussen.

Die Forscher unterschieden zwei Arten von mit der Lebensgeschichte zusammenhängenden Strategien: schnelle und langsame "Life-History-Strategien". Schnelle Strategien dienen dabei der schnellen Belohnung und Befriedigung von Bedürfnissen. Dies kann sich in häufiger wechselnden Sexualpartnern in jungen Jahren, der frühen Geburt von Kindern im Leben und einem allgemein impulsiveren Verhalten äußern. 


Strukturen und Sicherheit in Kindheit für gesunde Ernährung

Nach der Theorie der "Life-History-Theory" weisen Menschen mit schnellen Strategien eher eine instabile Kindheit auf, in der sie Entbehrungen der einen oder anderen Art erlitten. Im späteren Leben neigen sie dazu, "im Moment zu leben" ohne gezielt für die Zukunft zu planen.

"Wer als Kind in einer nicht abschätzbaren Umgebung groß wird, lernt, dass es schwer ist, die Zukunft zu planen. Wer nicht weiß, was ihn hinter der nächsten Ecke erwartet, lebt nur im Moment", so die Forscher. Von Bedeutung sind dann nur kurzfristige Ziele, deren Belohnung auf dem Fuße folgt.

Auf der anderen Seite weisen Menschen mit langsameren "Life-History-Strategien" eine gut strukturierte und sehr stabile Kindheit auf. Sie konzentrieren sich auf die Langzeitfolgen ihres Verhaltens und sind in ihren Überlegungen vorsichtig und sorgsam.

Die Wissenschaftler entdeckten in ihrer Untersuchung einen Zusammenhang zwischen schnellen Strategien, deren Basis in den Kindheitserfahrungen liegt, und ungesundem Ernährungsverhalten, das leichter zu Übergewicht führt. Menschen, die eher instinktgetrieben Entscheidungen treffen, essen demnach auch eher, wenn sie keinen Hunger verspüren.

Für Kinder sei es deshalb wichtig, Strukturen und Vorhersehbarkeit zu schaffen, so die Forscher. Sicherheit und Vorhersehbarkeit förderten langsamere "Life-History-Strategien", was das Risiko für Übergewicht im Erwachsenenalter reduzieren könnte. Die Studie wurde in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht. 

Quelle: Dr. Julia Hofmann18.08.17Zum AnfangZurück

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