«Wir laufen uns die Hacken ab» - Zahnärzte suchen Nachfolger

Detmold/Münster (dpa) - So hatte sich Hans Haas das Ende seines Arbeitslebens nicht vorgestellt. Seit 1982 betreibt der Zahnarzt eine gutlaufende Praxis in Detmold. Sie liegt in bester Lage, Marktplatz 1, direkt gegenüber dem Rathaus der ostwestfälischen Stadt. Doch trotz intensiver Suche findet er seit fünf Jahren keinen Kollegen, der die Praxis übernehmen will. Inzwischen ist Dr. Haas 69 Jahre alt - und steht immer noch jeden Tag im Behandlungszimmer.

So wie Haas geht es immer mehr Zahnärzten. «Einen Praxisnachfolger zu finden, wird immer schwieriger», sagt Alfred Erbacher, der mit seiner Firma seit 30 Jahren Zahnärzte bei der Suche nach einem Partner oder Nachfolger berät. «In manchen Regionen laufen wir uns mittlerweile die Hacken ab und finden trotzdem niemanden.» Besonders mühsam sei die Suche in Gebieten fernab der Ballungszentren: «In Husum an der Nordseeküste haben wir zwei tolle, lukrative Praxen, aber die bekommen wir seit zwei Jahren nicht weg.»

Auch für Mecklenburg-Vorpommern, die Schwäbische Alb, den Spessart oder Teile der Pfalz gelte: «Da kriegen sie kaum noch jemanden hin», sagt Erbacher. Einen Nachfolger für Städte wie Düsseldorf, Hamburg, Köln oder München zu finden, sei dagegen nach wie vor einfach. «Dort haben wir fast keine Praxis, die nicht verkauft werden könnte.»

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV) in Münster. «Bis vor einigen Jahren war es kein Problem, eine gut gehende Praxis abzugeben, auch auf dem Land», sagt Burkhard Branding, Vorstand der KZV Westfalen-Lippe. Heute sehe die Lage anders aus: «Je weiter sie aufs platte Land gehen, desto schwieriger ist es.»

Einen Grund sieht Branding in der veränderten Gesetzeslage. Bis vor einigen Jahren waren Gebiete mit einer hohen Ärztedichte für eine Praxisneugründung gesperrt. Nur wenn ein Arzt eine Praxis abgab, konnte sich dort ein neuer niederlassen. «Da waren auch Praxen auf dem Land begehrt.» Seit 2007 dürfen nun aber auch in ehemals gesperrten Städten wie Münster beliebig viele Zahnärzte eine Praxis gründen. Die Folge: «Immer mehr junge Ärzte bleiben lieber in den Städten - trotz der größeren Konkurrenz.»

Ein weiterer Grund: Viele der Praxen, die zum Verkauf stehen, sind veraltet und erfordern hohe Investitionen in neue Geräte und Einrichtung. «Welcher Arzt investiert denn nochmal kurz vor Abgabe seiner Praxis 150 000 bis 200 000 Euro in eine Renovierung, um sie auf den neuesten Stand zu bringen?», fragt Branding. Mit zunehmendem Alter werde es ohne Nachfolger zudem schwieriger, einen Kredit fürRenovierungen zu bekommen. Die potenziellen Nachfolger schreckten dann vor den hohen Investitionskosten zurück und ließen sich lieber als Angestellte beschäftigen. Auch das ist seit 2007 erlaubt.

Die Folge: Immer mehr Praxen werden dicht gemacht. Laut Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung ging die Zahl der zugelassenen Kassenzahnärzte mit eigener Praxis seit 2007 stetig zurück. Während Ende 2006 noch 55 634 Zahnmediziner gezählt wurden, waren es Ende 2010 nur noch 54 245. Bis 2007 hatten unter dem Strich noch jedes Jahr mehr Ärzte eine Praxis gegründet oder übernommen als abgegeben. Die Zahl der angestellten Zahnärzte hat sich dagegen seitdem mehr als verdreifacht.

Eine massive Unterversorgung in einigen Regionen wie bei Hausärzten gibt es noch nicht: «Nach wie vor haben wir eine wirklich gut flächendeckende, wohnortnahe Versorgung mit Zahnmedizinern in Deutschland», sagt der Sprecher der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Reiner Kern. Aber der Trend laufe in die falsche Richtung.

Quelle: Von Verena Bast, dpa29.12.11Zum AnfangZurück

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