Wandern ist in - Wie Vereine neue Mitglieder werben

Wandern ist in. Fast 40 Millionen Menschen in Deutschland sind einer Studie zufolge auf Schusters Rappen unterwegs. Aber die Vereine, die sich diese Woche in Melle zum Deutschen Wandertag treffen, suchen Nachwuchs. Der Wander-Bonus hilft ihnen dabei. 

Melle (dpa) - Pünktlich zur Wanderung hört der Regen auf. Führerin Gundel Gunst ruft die Gruppe zusammen. Gut hundert Menschen führt sie an diesem Nachmittag auf einer neun Kilometer langen Tour durch den Riemsloher Wald am Rande des Wiehengebirges. Gunst, 2. Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins Riemsloh, erzählt den Marschierern, was sie auf ihrem Weg zur Westerhoyeler Windmühle alles sehen werden.

Die Tour gehört zum Rahmenprogramm des 111. Deutschen Wandertages, der in dieser Woche in Melle stattfindet. Am Donnerstagabend wird er offiziell eröffnet, bis zu 30 000 Besucher erwartet die Stadt.

«Wir sind heute eine Familie», ruft Gunst in die Gruppe und startet auf dem matschigen Waldweg. Der Menschenpulk folgt ihr. Die meisten sind im Rentenalter. Der siebenjährige Paul ist die absolute Ausnahme. Auch Papa Heinrich Langkopf gehört mit seinen 40 Jahren noch zur jungen Minderheit. «Wandern macht Spaß», sagt Paul und zupft sich seinen großen Lederhut zurecht. «Man ist an der frischen Luft und sieht immer was Neues.» Papa Heinrich hat ein GPS-Gerät dabei. «Das ist super», sagt er. Mit dem Gerät kann er die Koordinaten speichern und später zu Hause am Computer die Tour nachvollziehen. «Das macht es gleich viel interessanter.»

Einer Studie des Deutschen Wanderverbands zufolge ist Wandern sehr beliebt. Rund 40 Millionen oder 56 Prozent aller Deutschen wandern. Die Studie sagt auch, dass dieser Freizeitsport noch populärer werden wird. 2060 sollen 61 Prozent der Deutschen wandern. Die Menschen erfreuen sich an den Naturerlebnissen und tun etwas für ihre Gesundheit. Und Wanderer sorgen dafür, dass der Rubel rollt. Outdoorkleidung, GPS-Geräte, Karten, Ausflugslokale, Hotels, Pensionen: Laut Verband geben die Wanderer elf Milliarden Euro in Deutschland aus. Das sei etwa doppelt so viel Umsatz wie beim Fahrradtourismus. Soweit die guten Nachrichten.

Die schlechte ist: So beliebt Bewegung in der freien Natur ist, die Vereine profitieren davon nicht unbedingt, vielen geht der Nachwuchs aus. Dabei sind sie wichtig. Was nur wenige wissen: Es sind die Mitglieder der örtlichen Heimat- und Wandervereine, die ehrenamtlich die Wege markieren, sie in Ordnung halten, sich um Unterstände und Hütten kümmern. Ihre Dienstleistung steht der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung.

«Die Wandervereine werden Nachwuchsprobleme haben, wenn sie nicht ihr Image ändern. Outdoor wird jedoch weiter boomen», sagt der Osnabrücker Sportwissenschaftler Christian Wopp. Seiner Einschätzung nach werden vor allem junge Menschen vom Wandern wenig angesprochen. «Diese klettern und suchen in der Natur Abenteuer», sagt er. Das seiauch ein Grund dafür, weshalb beispielsweise der Deutsche Alpenverein wachse. Darin komme zum Ausdruck, dass viele Menschen individuell wandern, aber von Zeit zu Zeit eine Gemeinschaft suchen.

Das Überleben der Vereine hänge davon ab, wie gut sie mit ihren Angeboten auf die touristische Nachfrage reagierten, sagt Ute Dicks, Geschäftsführerin der Dachorganisation Deutscher Wanderverband. Es gebe einige Trends, von denen auch die Vereine profitieren könnten, sagt sie: Gesundheitswandern, Familienwandern, Kulturwandern, Marathonwandern. «Die Qualifizierung von Wanderführern ist ganz wichtig», sagt Dicks.

Sie spricht vom «ADAC-Prinzip»: «Ich muss von der Mitgliedschaft auch einen monetären Vorteil haben.» Da gebe es «zarte Pflänzchen», wie das Wanderabzeichen, das innerhalb kürzester Zeit von 60 Krankenkassen für deren Bonusprogramme anerkannt worden sei. Um dieses Abzeichen zu erhalten, muss man bei organisierten Wanderungen der Vereine mitmachen. Da bestehe eine Chance: «Ich werde ja nur dann Mitglied, wenn ich mich irgendwo wohlfühle.» Zugleich müssten die Vereine bei ihren Vorständen auf jüngeres Personal setzen. «Vereine, die nicht frühzeitig den Generationenwechsel eingeleitet haben und nicht offen sind für neue Themen, die sterben aus.»

Nach gut zwei Stunden hat die Gruppe um Gundel Gunst ihr Ziel erreicht und kehrt in die Westerhoyeler Mühle ein. «Ich liebe diesen Wald mit Leib und Seele», sagt die 68-Jährige. Kaffee und Kuchen warten jetzt auf das Wandervolk. Danach geht es wieder zurück zum Parkplatz.

Quelle: dpa10.08.11Zum AnfangZurück

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