Milliardenmarkt der Pillen vor der Wende

Berlin (dpa) - Jürgen Graalmann will jeden Eindruck von Genugtuung vermeiden. Auffällig nüchtern beschreibt der Krankenkassenvertreter das Unerhörte. Graalmann spricht von «ersten Erfolgen». Doch es könnte eine dauerhafte Wende auf dem Milliardenmarkt der Arzneimittel in Deutschland werden. 

«Viele glauben, dass alles Neue automatisch auch besser ist», sagt der designierte AOK-Verbandschef. Über Jahre konnte die Pharmaindustrie für neu zugelassene Pillen in Deutschland so viel Geld verlangen, wie sie wollte. Dieses Jahr aber war es erstmals anders - gleich zwei Firmen machten bei neuen Medikamenten im letzten Moment einen Rückzieher.

Da war der Fall eines neuen Blutdrucksenkers. Novartis nahm ihn nach vier Monaten vom Markt. Als Grund wurden Probleme bei neu eingeführten Prüfverfahren angegeben. Doch nach Graalmanns Aussage scheiterte der Hersteller schlicht an den neuen höheren Anforderungen der schwarz-gelben Koalition. Demnach müssen die Firmen für neue Arzneimittel Nutzennachweise vorlegen. Nur was mehr nützt, soll künftig auch mehr kosten dürfen.

Im Fall des Blutdrucksenkers sei Novartis mit einer Komponente aber bereits bei einem ähnlichen Verfahren in Schottland gescheitert - und habe in Deutschland gleich auf Vorlage eines Nutzendossiers verzichtet.

Der Hersteller Merckle Recordati kapitulierte mit einem neuen Cholesterinsenker ebenfalls vor den neuen Regeln. Das Mittel wird nun nicht als Arznei mit besonderem Nutzen und besonderem Preis verkauft - es wurde kurzerhand bestehenden Obergrenzen für die Bezahlung gängiger Mittel untergeordnet.

Für den künftigen AOK-Boss ist die Sache ebenso klar wie für die Herausgeber des neuen Arzneiverordnungs-Reports, eines Standardwerks der Branche. In Deutschland werden demnach oft «Mondpreise» für Mittel mit zweifelhaftem zusätzlichem Nutzen gezahlt. Pharmakritiker wie den Bremer Forscher Gerd Glaeske bemängeln zudem, dass diese Mittel oft nicht genug auf Risiken und Nebenwirkungen getestet seien. Bei Mitteln wie dem Schmerzmittel Vioxx oder dem Cholesterinsenker Lipobay waren die Nebenwirkungen zu groß - und die Mittel wurden zurückgezogen.

Nun haben sich die Hersteller den neuen Regeln zu beugen, die noch der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) auf den Weg gebracht hatte. Für 20 neue Arzneimittel haben sie bislangNutzen-Dossiers eingereicht, wie der Vize-Chef des Kassen-Verbands, Johann-Magnus von Stackelberg, berichtet. Auf dieser Basis verhandeln dann Kassen und Hersteller über den Preis - im Januar soll es damit losgehen.

Geht es nach dem Herausgeber des Arzneireports, dem Heidelberger Pharmakologen Ulrich Schwabe, ist es höchste Zeit. Auf 8,1 Milliarden Euro hat er die Sparmöglichkeiten bei Medikamenten berechnet. Schwabe hat die Preise in Deutschland mit jenen in Großbritannien verglichen - und ist auf drastische Unterschiede gestoßen. So kostet eine Packung des Rheumamittels Enbrel hierzulande satte 4393 Euro - in England sind es nur 2414 Euro. «Der deutsche Arzneimittelmarkt ist der größte in Europa», sagt Schwabe, «und es ist überhaupt nicht verständlich, warum wir die höchsten Preise zahlen.» Doch bis alle teuren Mittel, die unter Patentschutz stehen, die neuen Verfahren durchlaufen haben, kann es noch Jahre dauern.

Quelle: Von Basil Wegener, dpa15.09.11Zum AnfangZurück

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