Marianne Koch: Patientengespräch nur noch «Hobby»

München (dpa) - Die Ärztin und Autorin Marianne Koch kritisiert angesichts von Kürzungen im Gesundheitswesen zu wenig Gesprächsmöglichkeiten zwischen Arzt und Patienten. Patientengespräch und ausführliche Anamnese seien für viele Ärzte zum «Hobby» verkommen, da sie dafür kaum noch Geld von den Kassen bekämen, sagte Koch, die am 19. August ihren 80. Geburtstag feiert.

Dabei sei das Gespräch die billigste Medizin. Es spare die oft teure Untersuchungen und könne die Selbstheilungskräfte der Patienten anregen. Über die Entwicklung im Gesundheitswesen, die Rente mit 67 und ein Rezept für ein erfülltes Alter sprach sie mit der Nachrichtenagentur dpa.

Frau Dr. Koch, Sie hatten über Jahrzehnte eine Praxis als Internistin - wie steht es ums Gesundheitswesen?

Koch: «Im Gesundheitswesen schaut es momentan düster aus, weil wir die sprechende Medizin praktisch abgeschafft haben. Dabei wäre das die billigste Medizin, die viele teure und diagnostische Dinge ersparen könnte. Man kann damit auch die Selbstheilungskräfte der Patienten sehr anregen. Die Seele ist ein wichtiger Faktor. Eine richtige Anamnese war früher selbstverständlich. Wenn man einen Patienten neu bekam, hat man ihn erst mal von Kopf bis Fuß untersucht, begriffen, ertastet - und damit auch ein Vertrauensgrundlage geschaffen.»

Und das tut heute niemand mehr?

Koch: «Natürlich gibt es noch Ärzte, die das machen - aber das ist mehr oder minder Hobby dieser Ärzte geworden. Ich finde es fatal, dass der Arztberuf heute eher nach den Kriterien von Krankenkassen und Geld ausgeübt wird - statt dass der Arzt das tun kann, was er gelernt hat, und dazu gehört das Wahrnehmen des Patienten als ganzer Mensch.»

Arbeit hält jung - Sie selbst liefern den Beweis. Die Rente mit 67 oder sogar noch später: Ist das vielleicht sogar ein Weg zu mehr Gesundheit?

Koch: «Da muss man sehr differenzieren. Wenn jemand von 16 an sein Leben lang als Dachdecker, Maurer oder in einem anderen körperlich sehr anstrengenden Beruf gearbeitet hat, dann hat er das gute Recht zu sagen: So, jetzt will ich eben nicht mehr auf den Bau raufsteigen.

Für andere, die ihren Beruf lieben und sich wohlfühlen, kann es eine sehr positive Sache sein, wenn sie länger berufstätig sind. Das muss ja nicht in vollem Umfang sein. Wenn man gezwungen würde, auf einer Schiene weiterzumachen, die man schon bisher gehasst hat, bringt das gar nichts. Wichtig ist, dass man im Alter die Freiheit hat, das zu tun, was man gerne tut - vielleicht auch in einer ehrenamtlichen Tätigkeit.» Trotzdem ist Älterwerden nicht immer leicht.

Koch: «Wenn man älter wird, braucht man ein gewisses Maß an Mut, aus unterschiedlichen Gründen: Man muss diesem Älterwerden mit Gelassenheit entgegensehen, man muss zur Kenntnis nehmen, dass es irgendwann zu Ende geht, und man braucht Mut, um sich gegen den Jugendwahn in der Gesellschaft und auch gegen das Bild zu stemmen, das die Menschen hierzulande vom Alter haben als etwas Negatives. Und natürlich braucht es Mut, die Einschränkungen, die das Alter irgendwann mit sich bringt, hinzunehmen und sich trotzdem in seiner Haut wohlzufühlen. Was ich wirklich noch als Tabu der heutigen Zeit empfinde, ist das Verdrängen von Alter und Sterben als Teil des Lebens. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen, die sich damit in einer unaufgeregten Weise beschäftigen, eher bereichert werden.»

Ihr Rezept für ein erfülltes Leben im Alter?

Koch: «Nichts mehr tun zu wollen, ist nach Ansicht der Altersforscher gefährlich. Wenn die Rente da ist, muss man sich für die 20 Jahre, die man womöglich noch hat - und das ist eine sehr, sehr lange Zeit im Vergleich zu früheren Generationen - auch für den Kopf etwas einfallen lassen. Vor allem sollte es etwas Neues sein. Sich in neuen Situationen zurecht zu finden, hält das Gehirn gesund. Man kann sich ja nicht nur aufs Sofa setzen und den Eisschrank vollmachen. Wenn man das tut, was einem Freude macht: Das ist es, was einen jung hält.»

Quelle: Interview: Sabine Dobel, dpa14.08.11Zum AnfangZurück

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