Häufiger Burnout bei Studenten

Mit Feuereifer stürzen sie sich ins Studium, stellen sich mit einem enormen Zeitaufwand den Anforderungen, streben nur Bestnoten an. Doch plötzlich ist von der positiven Energie nicht mehr viel da. Unter dem Burnout-Syndrom leiden auch immer mehr Studenten.

Es ist drei Uhr morgens. Die 21-jährige Jessica wälzt sich im Bett schlaflos von einer Seite auf die andere. «Du schaffst es nicht», geht ihr permanent durch den Kopf. Die junge Frau ist im zweiten Semester eines Bachelor-Studiengangs. Von Anfang an gehen die Studienleistungen, die Jessica erbringt, in die Abschlussnote ein. Zunächst läuft alles glatt, mit viel Ehrgeiz und Zeit stellt sie sich den Anforderungen. Doch dann kommen Schlafstörungen, das Abschalten-Können wird für Jessica zum Problem. Und dann fällt sie auch noch bei einer wichtigen Klausur durch.

Vor ihr liegen noch zwei weitere Semesterabschlussklausuren. Zum Lernen begibt sie sich zu ihren Eltern. Als Jessica wieder in ihrem alten Zimmer über den Büchern hockt, bekommt sie einen Nervenzusammenbruch. Alles erscheint ihr zu viel, sie fühlt sich völlig kraftlos. Ihre Weinkrämpfe kriegt sie kaum unter Kontrolle. Die Eltern bringen sie zum Hausarzt, der ihr starke Beruhigungsmittel gibt und sie zur psychosozialen Beratungsstelle an ihrer Uni schickt.

Jessica ist erfunden - aber ihr Schicksal ist es nicht: So oder so ähnlich geht es immer mehr Studenten. «Die Inanspruchnahme von psychologischer Beratung hat unter Studenten stark zugenommen», sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. Rund 27 700 Studierende haben 2012 die psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke besucht, 2010 waren es rund 23 200 und 2003 nur

11 600. Wie viele von den Ratsuchenden unter Burnout leiden, darüber gebe es keine verlässlichen Statistiken. Fest steht laut Grob jedoch, dass Burnout, einst eine klassische Manager-Krankheit, auch unter Studenten immer wieder vorkommt.

Es sind Angststörungen und Depressionen, die den akademischen Nachwuchs plagen. «Viele stehen aufgrund der Bachelor-Studiengänge, bei denen viel Pensum in kurzer Zeit absolviert werden muss, enorm unter Stress», erläutert Grob. Mit dem Druck und der Geschwindigkeit kommen die einen gut klar - andere eben nicht. Sie bekommen quälende Selbstzweifel. Manche verfallen ohne erkennbaren Anlass in eine tiefe Traurigkeit. Solche Zustände können sich steigern bis zu einer völligen körperlichen und mentalen Erschöpfung.

«Es sind oft die besonders Ehrgeizigen unter den Studierenden, die unter psychischen Störungen bis hin zu Burnout leiden», hat WilfriedSchumann beobachtet. Er ist Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg. Hunderte von jungen Leuten kommen Jahr für Jahr zu ihm. «Häufig ist der Stress hausgemacht, weil die Studierenden Dinge von sich erwarten, die einfach nicht realistisch sind.» Ein anspruchsvolles Studienfach, zusätzlich zum Wirtschaftsenglisch auch in Spanisch verhandlungssicher werden und obendrein noch dreimal in der Woche in der Kneipe jobben - das ist einfach zu viel.

«Studenten müssen lernen, Prioritäten zu setzen», rät Grob. Was muss während des Semesters dringend erledigt werden? Sind die Kurse in der zweiten Fremdsprache wirklich erforderlich? Kann die Zahl der Arbeitsstunden in der Kneipe reduziert werden? Die frei werdende Zeit sollte dann bewusst zum Auftanken genutzt werden. «Solche privaten Oasen im Alltag braucht jeder, um beruflich ans Ziel zu kommen», sagt auch Norbert Hüge, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Bundesverbands für Burnout-Prophylaxe und Prävention (DBVB) in München.

Doch wer sich in einer Phase der tiefen Erschöpfung befindet, tut sich häufig schwer damit, aus eigener Kraft heraus die Ursachen für sein Ausgebrannt-Sein auszumachen. Experten wie Schumann loten daher gemeinsam mit dem Betroffenen aus, welche Faktoren genau den Burnout ausgelöst haben. Danach wird ein Tagesablauf ins Auge gefasst, in dem auch Hobbys und soziale Kontakte einen Platz haben. «Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder Yoga können für Betroffene ebenfalls hilfreich sein», sagt Hüge.

Entscheidend sei die innere Einstellung, hat Schumann festgestellt. Studierende, denen alles über den Kopf wächst, müssten bereit sein, zu erkennen, dass zugunsten ihres Wohlbefindens Änderungen in ihrem Alltag nötig sind. Menschen wie die fiktive Studentin Jessica können es dann auch ohne Antidepressiva und Psychotherapie schaffen: zum Beispiel, indem sie einen Experten von der psychosozialen Beratungsstelle an ihrer Uni als Coach akzeptieren. Und indem sie lernen, dass sie ihre Zeit besser einteilen müssen und nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen dürfen. Dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass Niederlagen wie eine vermasselte Klausur zum Leben dazu gehören. Die Welt geht schließlich nicht davon unter, wenn das Studium notfalls ein Semester länger dauert.

Quelle: dpa23.07.14Zum AnfangZurück

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