Forscher Butterwegge: «Arme sterben früher»

Köln (dpa) - Während die Menschen in Deutschland insgesamt immer älter werden, sinkt bei Geringverdienern die Lebenserwartung. Der Kölner Armutsforscher Prof. Christoph Butterwegge führt dies auf Kürzungen im Sozialbereich zurück.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die auseinanderdriftende Lebenserwartung?

Butterwegge: «Mich wundert diese Entwicklung nicht. Arme müssen früher sterben - das ist ein Ergebnis der Armutsforschung, das schon lange bekannt ist. Und wenn der Niedriglohnsektor in der Bundesrepublik etwa seit der Jahrtausendwende doch recht deutlich ausgebaut worden ist, dann bedeutet das natürlich auch, dass mehr Menschen enormem Druck unterliegen. (...) Die Folge davon ist, dass Menschen im Niedriglohnsektor eine schlechtere Gesundheitsversorgung haben und dann auch eine geringere Lebenserwartung.»

Werden im Gesundheitswesen wirklich Dinge vorenthalten, die über Leben und Tod entscheiden?

Butterwegge: «Ja, in der Summe. Wenn ich jetzt eine schlechtere medizinische Versorgung habe über Jahrzehnte und wenn ich gleichzeitig beseelt bin von der Angst, mich und meine Familie nicht mehr wie früher in einem ausgebauten Sozialstaat versorgen zu können, dann führt das zu psychosozialen Problemen vieler Menschen. Ich habe einen Jugendfreund, der arbeitet als Leiharbeiter (...) auf Montage: zugige Arbeitsverhältnisse, krankmachende im Prinzip, aber nicht die Möglichkeit zu sagen "Nein, ich mache das nicht", weil einfach der ökonomische Druck heute viel stärker ist als in den 90er Jahren.»

Geringverdienern wird oft vorgeworfen, sie würden zu viel rauchen und zu ungesund essen. Sind sie also auch selber schuld?

Butterwegge: «Ja, nur von dem Geld, was dort verdient wird, kann ich mir auch nicht Biogemüse und Obst leisten. Dieses Eigenverschulden, das Sie ansprechen, mag da mit im Spiel sein. Auf der anderen Seite (...): Wenn ich eben solche Sorgen habe, dann betäube ich mich eher mit Zigaretten und Alkohol, als wenn ich Professor bin und eine sichere Pension habe und auch nicht irgendeinen Arztbesuch versäumen muss wegen der Praxisgebühr. Wenn ich Angst habe, ich verliere meinen Arbeitsplatz, rauche ich wahrscheinlich eher noch mehr. Das heißt, Suchtprobleme haben gerade diejenigen, die in schwierigen finanziellen Situationen leben.»

Quelle: Interview: Christoph Driessen, dpa12.12.11Zum AnfangZurück

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