Dysfunktionen im Spitzensport

Die alarmierende Studie der Deutschen Sporthilfe zu Dysfunktionen im Spitzensport hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. In der anonymen Erhebung unter 1154 deutschen Spitzenathleten hatten zahlreiche Befragte psychische Erkrankungen wie Depressionen, Burn-out oder Essstörungen angegeben. 8,7 Prozent der Athleten erklärten, schon einmal an Absprachen über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt gewesen zu sein. 5,9 Prozent der Sportler räumten die regelmäßige Einnahme von Dopingmitteln ein. Die Nachrichtenagentur dpa gibt einen Überblick zu den Reaktionen.

«Die Studie zeigt vor allem, dass der Sport mitten in der Gesellschaft stattfindet und dass die Sportler die gleichen Probleme und Sorgen haben wie die Menschen um sie herum. Wenn man die Zahlen für Depressionen im Spitzensport sieht - darüber wurde ja viel diskutiert im Fall Robert Enke - dann sieht man: Das entspricht ungefähr dem Schnitt der Bevölkerung. Der Unterschied ist nur, dass es im Sport sehr viel stärker wahrgenommen wird. Das ist auch eine Chance, weil man diese Probleme dann angehen kann.»

(Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes)

«Die Zahlen sind alarmierend. Wir nehmen diese Studie sehr ernst.» (Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletikverbands)

«Über die Gründe dafür kann man nur spekulieren, es könnte aber bedeuten, dass sich nur wenige wirklich offenbart haben und die Studie nur die Spitze des Eisberges erfasst hat.» (Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag)

«Als allererstes gehört der Wettkampfkalender auf den Prüfstand. Da darf es keine Steigerungen mehr geben. Dann muss man sich fragen: Kann von der Frage «Sieg oder Niederlage» so viel abhängen, wie das heute der Fall ist? Bei der Kommerzialisierung des Spitzensports sind wir schon längst an Grenzen angelangt.» (Helmut Digel, Sportsoziologe und langjähriger Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes)

«Die Studie liefert eindrucksvolle Zahlen, wie schwierig Sportler den Alltag empfinden und wo eine gute Förderung ansetzen soll. Wir alle wollen Spitzenleistungen, wir wollen Erfolg - wir wollen aber nicht Erfolg um jeden Preis. Dafür muss man auch wissen, wo die Gefahren für den Sport und seine Werte liegen. Wir wollen mit dieser Studie nicht nur eine Bestandsaufnahme machen, sondern vor allem verstehen, wo die Ursachen liegen und wo wir anknüpfen können.» (Michael Ilgner, Vorstandsvorsitzender der Sporthilfe)«Die Ergebnisse schreien danach, dass man sich weiter mit ihnen beschäftigt. Unser Wunsch ist es, dass man in weiteren Studien nun einzelne Bereiche, wie zum Beispiel das Feld der Manipulation, genauer unter die Lupe nimmt.»

(Christoph Breuer, Leiter der Sporthilfe-Studie)

«Ich kenne nur Sportler, die fair sind. Ich nehme an, bei den Zahlen zu möglichen Wettmanipulationen geht es eher um Spielsportarten.» (Lutz Buschkow, Direktor Leistungssport im Deutschen Schwimm-Verband und Wassersprung-Cheftrainer)

«Die Aussagen klingen spektakulär, aber ich halte es für falsch, diese Aussagen der Studie als Katastrophe für den Zustand des Spitzensports zu bewerten. Die Zahlen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wo es um Existenzen und viel Geld geht, sind psychische Probleme oft die Folge.»

(Gerd Heinze, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft)

«Ich glaube nicht, dass man sich Sorgen um den Leistungssport machen muss. Wir haben vielen jungen Menschen durch das System Leistungssport sogar geholfen in der Persönlichkeitsentwicklung, im Berufsleben. Manch einer wäre ohne den Leistungssport vielleicht nicht so weit gekommen.» (Frank Schlizio, Vizepräsident im Bundesverband Deutscher Gewichtheber)

«Natürlich muss man die Studie und die damit verbundenen Aussagen ernst nehmen. Wir sollten aber nicht verkennen, dass wir hierbei keineswegs von einem rein leistungssportlichen Phänomen sprechen, sondern dass die Studie ein gesamtgesellschaftliches Problemfeld widerspiegelt.»

(Franz Steinle, Vizepräsident des Deutschen Skiverbands)

«Wir versuchen, die Athleten frühzeitig an eine duale Karriere heranzuführen. Einen Verbesserungsbedarf gibt es immer. Wir müssen da aber die deutsche Wirtschaft mehr ins Boot holen, da nicht alle Hochleistungssportler bei der Bundeswehr, Polizei und Zoll unterkommen können.» (Karl-Martin Dittmann, Generalsekretär des Deutschen Ringerbunds)

«Ich habe aus Zeitgründen an der Umfrage nicht teilgenommen. Die Ergebnisse finde ich sehr überraschend. Fakt ist: Der deutsche Sport muss mehr und besser gefördert werden, gerade wenn man mehr Medaillen gewinnen will. Von Ergebnisabsprachen oder Doping habe ich unter uns Sportlern noch nie gehört.» (Bahnradfahrer Maximilian Levy, dreifacher Medaillengewinner bei Olympischen Spielen)

«Wie sollen Absprachen über den Wettkampfausgang gehen? Soll der Boxer die Kampfrichter bestechen, dem Gegner drohen? Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen.» (Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Boxsportverbandes)

«Die Zahlen zu Spielmanipulationen und den Erkrankungen überraschen mich, der Rest nicht. Ich weiß nicht, ob die Gesellschaft bereit ist, die Sportler, die den Mut hatten, ihre berufliche Ausbildung zu verzögern, aufzufangen und sie nach ihrer sportlichen Laufbahn zu unterstützen.»

(Schwimmerin Dorothea Brandt, Athletensprecherin im Deutschen Schwimm-Verband)

«Grundsätzlich müssen wir uns mit den Themen schon sehr kritisch auseinandersetzen und dürfen solche Dinge nicht vom Tisch kehren. Wir wollen im Deutschen Fechter-Bund demnächst ein neues Gesundheitsmanagement aufbauen. Das hatten wir aber auch ohne diese Studie vor.»

(Sven Ressel, Sportdirektor des Deutschen Fechterbundes)

«Ich glaube, die anhaltenden Diskussionen um Doping und Wettbetrug spielen ganz sicher in das Umfrageergebnis hinein. Existenzangst muss im Spitzensport niemand haben. Viele Athleten werden über die Sporthilfe hinaus beispielsweise auch durch Land und Kommunen gefördert.» (Detlef Uibel, Bundestrainer Bahnradsprint)

«Diese Zahlen geben zu denken. Aber in Ruderkreisen ist das nicht zu erkennen. Wir stehen in engem Kontakt zu unseren Athleten und lernen sie in diversen Trainingslagern gut kennen. Gäbe es zum Beispiel wirklich Burn-out-Probleme, hätte unser Mannschaftsarzt schon daraufhin hingewiesen.»

(Siegfried Kaidel, Vorsitzender des Deutschen Ruderverbands)

«Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass die Zahlen so hoch sind. Es gibt bei solchen Umfragen verschiedene Fehlerquellen. Manipulation ist in meiner Sportart, der Leichtathletik, kaum möglich. Nicht in jeder Sportart kann man leicht manipulieren. Wetten sind sehr verlockend. Es geht also nicht um Erfolgsdruck, sondern ums Geld. Das ist das, was man in der Wirtschaft Gier nennt.»

(Günther Lohre, Direktor Leistungssport des Landessportverbandes Baden-Württemberg)

Henning Bommel, Mitglied im Bahnradvierer: «Ich finde die Aussagen sehr krass. Ich mache den Sport wegen des Sports – und nicht um reich zu werden.»

Quelle: dpa26.08.13Zum AnfangZurück

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