Ärztekammer-Präsident für Behandlung nach Dringlichkeit

Weil die Geldmittel begrenzt sind, soll nicht mehr jeder Kranke künftig die bestmögliche Behandlung bekommen: Die Therapie könnte abhängig gemacht werden von der Schwere der Krankheit, vielleicht auch vom Alter des Patienten, schlägt Ärztepräsident Montgomery vor. 

Berlin (dpa) - Das Thema ist nicht neu, aber immer für große Aufregung gut. Nun hat der Ende Mai frisch gewählte Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, einen weiteren Vorstoß unternommen und für eine Art Ranglisten-Medizin geworben. Danach soll die Behandlung bestimmter Krankheiten und Leiden Vorrang vor anderen haben - festgemacht an bestimmten Indikatoren, Patientengruppen oder Verfahren. Dies sei «die einzige Methode», die vorhandenen Gelder gerecht einzusetzen.

«Jeder wird behandelt, jeder wird versorgt, in der Rangfolge der Dringlichkeit», sagte Montgomery der Zeitschrift «Forschung & Lehre» (August). Er nannte das eine «ehrliche Priorisierung» medizinischer Behandlungen statt »heimlicher Rationierung».

Die Ranglisten-Kriterien und den dazu notwendigen Konsens sollte seinen Vorstellungen zufolge ein Gesundheitsbeirat erarbeiten, in dem Ärzte, Ethiker, Juristen, Gesundheitsökonomen, Theologen, Sozialwissenschaftler und Patientenvertreter gemeinsam Empfehlungen entwickeln. Schon dies ist ohne heftigen Streit nicht denkbar. Die letzte Entscheidung sei - so der Ärztekammer-Präsident - politisch zu treffen und zu verantworten.

Bereits Montgomerys Amtsvorgänger Jörg-Dietrich Hoppe hatte sich immer wieder für eine Priorisierung medizinischer Leistungen ausgesprochen. Er war damit aber erst jüngst beim Deutschen Ärztetag auch bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) abgeblitzt. Der setzt darauf, dass die medizinische Versorgung so verbessert wird, «dass Debatten über Rationierung oder auch Priorisierung unnötig werden.» Wie das geschehen soll, ist offen.

Jeder Gesundheitspolitiker weiß um die Brisanz des Themas. Jeder Spar- oder Rationierungsschritt sorgt bei den rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten verständlicherweise für Unruhe. Als vor Jahren der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder (CDU) darüber laut nachdachte, ob 85-Jährige auf Kassenkosten noch eine künstliche Hüfte erhalten sollten, erntete er einen Sturm der Entrüstung. Mißfelder musste unter dem Druck der eigenen Partei zurückrudern - immerhin sind Rentner häufig treue Wähler der Union.

Für das Problem der steigenden Kosten im Gesundheitssystem und die daraus folgenden Zwänge zum Sparen sind aus Sicht Montgomerys nicht Honorarzuwächse bei den Ärzten, sondern der immer umfangreichere Leistungskatalog, der medizinische Fortschritt und der demografische Wandel verantwortlich. «Wir haben also eine Leistungs- und mitnichten eine Kostenexplosion.»

Quelle: dpa30.07.11Zum AnfangZurück

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